Ein (schockierendes) Sommererlebnis

Der Sommer zeigt sich heuer letztmals von seiner schönen Seite, ich sitze hier Ende September auf der Terrasse bei etwa 25° C und denke noch einmal zurück an den Sommer 2014. Es hat mit Sicherheit schon wärmere, schönere und ereignisreichere Sommer für mich gegeben, ein Erlebnisausflug hat mich aber in diesem Sommer besonders beschäftigt:

Ich war im Jahr 2010 mit Freuden am Gipfel des Großglockners, Österreichs höchstem Berg und konnte von dort auf den mächtigsten Gletscher Österreichs, die Pasterze hinabblicken. Viel wurde mir vom damaligen Bergführer über den Rückgang der Gletschermasse erzählt, doch ich wollte in diesem Sommer den Gletscher und dessen Rückzug, heute kann ich sogar sagen, dessen „Überreste“ einmal mit eigenen Augen sehen.

Daher fuhr ich mit meiner Familie im heurigen Sommer nochmals zum Großglockner, diesmal über die Hochalpenstraße hinauf zur Kaiser Franz Josephs Höhe auf 2.369 Meter. Meine Tante hatte mir erzählt, dass Sie in den 1940er Jahren von dort aus nach kurzem Fußweg den Gletscher erreichen konnte und sie kann sich heute noch an den Tag erinnern an dem Sie auf der Pasterze gestanden ist. Von dort aus ist von der Pasterze im Sommer 2014 wenig zu sehen, man hat aber immerhin ein Fernrohr dort aufgestellt, um enttäuschten Besuchern doch einen Blick auf den Gletscher zu ermöglichen.

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Heute ist an dieser Stelle ein Parkplatz, ein Gasthaus, der Beginn vieler Wanderstrecken, aber auch die Bergstation einer Schrägseilbahn die in den 1960er Jahren gebaut wurde um die Besucher bequem zum Gletscher zu bringen. Die Schrägseilbahn war notwendig geworden, da sich der Gletscher zurück zu ziehen begann, man wollte den Touristen trotzdem „das Gletschererlebnis“ bieten, die Talstation wurde genau dort errichtet, wo der Gletscher zu dieser Zeit sein Sommerminimum hatte.

Im Jahr 1960 war das bestimmt auch noch so, heute ist die Situation dramatisch anders, am Ende der Bahn erwarten den Besucher, Steine und Geröll welche der Gletscher in den letzten Jahrzehnten freigegeben hat.

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Wir ließen uns aber dadurch nicht ermutigen und wollten nicht aufgeben, ohne auf dem Gletscher gestanden zu sein. Ich kann Wegzeit, Höhenunterschied und Tempo unserer Sommerwanderung schwer abschätzen, ich weiß nur, dass der Weg zum Gletscher von dort aus von uns als „noch sehr, sehr weit“ abgeschätzt wurde; innerhalb der Familie wurden die ersten Unkenrufe laut, umzukehren und auf eine persönliche Begegnung mit dem Gletscher zu verzichten. Schließlich konnte ich doch Frau und Kinder überreden, die Wanderung zum Gletscher auf uns zu nehmen, ungewohnte Unterstützung bekam ich von unserem Hund, welcher sich bereits kurz nach der Ankunft an der Talstation eigenmächtig auf dem Weg Richtung Pasterze machte.

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Im flotten Tempo ging es weiter bergab, alle paar Minuten kamen wir an den Gletschermarkierungen der letzten Jahrzehnte vorbei und immer wieder erschauderte es uns, dass sich ein so ein riesiger Eisgigant in dermaßen kurzer Zeit so massiv zurückziehen kann. Eine Weile später kamen wir am 2000er Schild vorbei, zu dieser Zeit war mein ältester Sohn bereits auf der Welt.

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Wieder waren wir schockiert, wie schnell und wie weit sich die Pasterze seither zurückziehen konnte. Bei der vorletzten Tafel (2005) waren auch meine jüngeren Kindern bereits auf der Welt, immerhin konnte man von dort aus den Gletscher bereits gut ausmachen.

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Von dort aus ging es wiederum steil bergab, man konnte gut erkennen, dass der Gletscher ein riesiges Volumen an Eismasse verloren haben musste, schließlich hat seine Mächtigkeit einmal das ganze Tal bedeckt. Einige Minuten später waren wir endlich beim letzten Schild mit der Aufschrift 2010 angekommen, dort reichte es meiner Frau endgültig und sie ließ uns das letzte Stück des Weges, welches auch mehr als ein Kinderspaziergang, war alleine vorankommen.

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So traurig das obige Bild auch ist, es ist mittlerweile eines meiner Lieblingsmotive geworden, häufig verwende ich diese Aufnahme auch bei Vorträgen. Man sieht kaum so deutlich wie auf dieser Aufnahme, welches Verbrechen die Menschheit an dem unschuldigen Gletscher begeht. Innerhalb der letzten 4 Jahre (!!!) hat sich der Gletscher (wieder) um fast einen Kilometer zurückgezogen, unglaublich. Wer angesichts solcher Bilder noch immer am Klimawandel zweifelt, dem kann dies nur als böse Absicht ausgelegt werden. Etwa 15 Minuten später erreichen wir endlich die ersten Eisreste der Pasterze, von einem mächtigen Gletscher ist nicht viel zusehen, auch nicht viel vom „ewigen Eis“ es ist eher ein Steinehaufen mit etwas Eis und Schnee vermischt. Immerhin: unser Hund ist vom kalten Untergrund noch etwas beeindruckt und lässt sich vorsichtig über die Eisreste tragen.

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Am Ende des Tages bleiben auch bei den Kindern viele Fragen zurück: War der Gletscher wirklich einmal ganz oben am Parkplatz, wie die Tante Liese erzählt hat, führte die Standseilbahn wirklich einmal direkt auf die Pasterze, werden wir, wenn wie einmal mit unseren Kindern wiederkommen überhaupt noch einen Gletscher zu Gesicht bekommen, sehen die Menschen wirklich nicht, dass ein Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter dringen nötig ist, was kann man eigentlich alles gegen den Klimawandel unternehmen und warum wollte nicht einmal der Hund das schmutzige Gletscherwasser trinken?

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Auf dem Rückweg hinauf zum Parkplatz kam ich auch noch bei der 1970er Marke (fast mein Geburtsjahr) vorbei. Seit ich auf der Welt bin, haben wir beide, der Gletscher und ich eine bewegte Zeit hinter uns gebracht, ich konnte aber wachsen, die Pasterze musste schrumpfen. Ich glaube es lag an der ungerechten Chancenverteilung, ich hoffe zutiefst dass der Gletscher in der Zukunft eine fairere Chance bekommen wird, dass seit Rückgang gestoppt werden kann, dass Klimaschutz zur Selbstverständlichkeit wird und dass uns allen bewusst wird, dass unser Wachstum an Grenzen gestoßen ist. Grenzen, die nicht weiter verschiebbar sind.

 

 

 

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