Klimaneutral: Ein guter Schritt zur urwaldfreundlichen Beschaffung

Die Kompensation der Klimabelastung einer Drucksache ist aus Sicht des Fördervereins für umweltverträgliche Papiere und Büroökologie (FUPS) positiv zu werten. Doch er darf nur ein Mosaikstein in der Ökologisierung des Umgangs mit Papier sein. Die Aktion urwaldfreundlich.ch und ihre Umsetzung in zahlreichen Gemeinden zeigen, welche weiteren Schritte möglich sind.

Der Klimawandel ist das wohl drängendste globale Umweltproblem. Entsprechend wichtig ist es, die Aktivitäten von Privaten, Wirtschaft und öffentlicher Hand so auszurichten, dass die Emissionen an klimawirksamen Gasen möglichst reduziert werden. Der Förderverein für umweltverträgliche Papiere und Büroökologie Schweiz (FUPS) engagiert sich seit über 30 Jahren für dieses Anliegen – schon zu Zeiten, als Schlagwörter wie die CO2-Kompensation noch kein Thema waren.

Soziale Komponente nicht vergessen

Doch die Klimabelastung, die bei der Herstellung einer Drucksache anfällt, lässt sich nicht mit einer Zahlung aus der Welt schaffen. Zu vielfältig sind die Einflüsse auf Mensch und Umwelt. Jährlich gehen weltweit Waldflächen in der Grössenordnung von 13 Millionen Hektaren verloren, was der dreifachen Fläche der Schweiz entspricht. Ein wichtiger Grund für die Abholzung ist die Gewinnung von Holz für die Papierproduktion: Fast die Hälfte des industriell genutzten Holzes landet in Papierfabriken. Und wiederum ein Fünftel davon stammt aus Urwäldern in Südostasien, Südamerika oder Sibirien. Doch auch die Holzproduktion in Plantagen hat ökologische und soziale Schwachstellen. So werden enorme Mengen an Trinkwasser verbraucht, das anderswo fehlt; häufig werden die Monokulturen mit synthetischem Dünger und Pestiziden behandelt; und die mit Bäumen bestandenen Plantagen stehen in Konkurrenz zum Anbau von Lebensmitteln für die lokale Bevölkerung.

Travels of Bruno Manser
Die Zerstörung der tropischen Regenwälder schreitet rasch voran – doch auch Schweizer Gemeinden können Gegensteuer geben. Foto: BMF

 

Gemeinden als Beschaffungsvorbild

Kein Wunder deshalb, dass der Urwaldschützer Bruno Manser vor 20 Jahren nicht nur in Indonesien dafür kämpfte, dass die letzten Urwälder vor Kahlschlag geschützt werden. In der Schweiz rief er die damalige Aktion «Tropenholzverzichtserklärung» ins Leben, um deutlich zu machen, dass unser Konsum einen direkten Zusammenhang mit der Zerstörung ursprünglicher Wälder hat. Bruno Manser ist seit bald zehn Jahren verschollen. Doch in der Aktion, die sich stetig weiterentwickelt hat und nun «urwaldfreundlich.ch» heisst, lebt seine Idee weiter: Die öffentliche Hand richtet ihre Beschaffung von Holz und Papier so aus, dass dies keine negativen Folgen auf die globalen Urwälder hat.

Heute sind es gut 500 Gemeinden, die teils bereits seit vielen Jahren an der Aktion «urwaldfreundlich.ch» mitmachen. Sie haben sich dazu verpflichtet, Mindestkriterien einzuhalten, wenn es um die Vergabe von Druckaufträgen und den Kauf von Kopierpapier geht. Dasselbe gilt für Bauaufträge oder die Beschaffung von Holzwaren wie Möbeln, Besenstielen oder anderen Kleinwaren. Die Aktion, die heute vom Förderverein für umweltverträgliche Papiere und Büroökologie Schweiz (FUPS) betreut und getragen wird, setzt dabei ganz auf die Vorbildfunktion der öffentlichen Hand.

Viel Information gefragt

Nachhaltige Beschaffungskonzepte klingen zwar einleuchtend und simpel, sind in der Praxis jedoch häufig kompliziert. So erhält der FUPS regelmässig Anfragen von Gemeindeschreibern, die von ihrer Druckerei oder ihrem Papierlieferanten mit falschen Behauptungen konfrontiert werden: Recyclingpapier schade dem Fotokopierer oder das Programm des Dorffests könne bei einem Wechsel des Papiers nicht mehr vierfarbig gedruckt werden. Das sind Fehlinformationen: Recyclingpapier wird seit vielen Jahren einwandfrei maschinell verarbeitet und ist wenn nötig in der gleichen hochweissen Qualität erhältlich wie Neufaserpapier. Zentral ist aber nicht nur die Umstellung des Papiers, sondern auch die systematische Analyse, wo der Papierverbrauch generell reduziert werden kann. Wichtige Hebel sind etwa die knappe Kalkulation der Druckauflage von Berichten und – in der Verwaltung selbst – das doppelseitige Ausdrucken respektive Kopieren. Darüber hinaus gibt der FUPS-Ratgeber «Papier – Wald und Klima schützen» weitere Hilfestellungen und liefert zahlreiche Tipps, wie man als Gemeinde oder Privater den Umgang mit Papier umweltverträglicher gestalten kann. Die Broschüre ist auf einigen handelsüblichen Recyclingpapiersorten gedruckt und erleichtert damit gleich auch die Papierwahl bei allfälligen Druckaufträgen.

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Altpapier zur Herstellung von Neupapier hilft, Stoffkreisläufe zu schliessen und die weltweit bedrohten Urwälder zu schonen. Foto: ZPK

 

Mit der «Datenbank ökologische Druckereien» (www.papier.info > Ökologische Druckereien, dort ist u.a.) hat der FUPS zudem ein Tool erarbeitet, das die Umweltleistungen von Druckereien erfasst. Die Datenbank umfasst Betriebe, die punkto Umwelt überdurchschnittlich engagiert sind. Dazu gehört unter anderem das Angebot an die Kundschaft, klimaneutral zu drucken. Zahlreiche Gemeinden und andere öffentliche Stellen nutzen die Datenbank, um ihre Lieferanten auszuwählen.

Verzicht auf Zustellung der Jahresrechnung

Damit die guten Beispiele noch bekannter werden, lancierte das Projekt Urwaldfreundliche Gemeinden 2011 erstmals den Preis «Urwaldfreundliche Gemeinde 2011». Zum Zug kam damals die Gemeinde Au aus dem St. Galler Rheintal. Besonders überzeugend am Engagement von Au fand die Jury zum einen die kürzlich erfolgte Umstellung des kommunalen Mitteilungsblatts auf Recyclingpapier. In der ersten Ausgabe der Publikation, die alle zwei Wochen in einer Auflage von 3800 Exemplaren gedruckt wird, informierte die Gemeinde über die Umstellung und strich die Umweltvorteile heraus. Zum andern wurde als innovativ gewertet, dass die Gemeinde ihre Jahresrechnung 2010 erstmals nicht mehr automatisch allen Haushaltungen zustellte. Statt wie bisher 2500 musste die Gemeinde Au nur noch 800 Exemplare drucken, was 484,5 Kilogramm Drucksachen mit entsprechenden Kosten und Umweltbelastungen vermied.

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Am 29. September 2011 erhielt die Gemeinde Au/SG den erstmals vergebenen Preis «Urwaldfreundliche Gemeinde 2011» zugesprochen. V.l.n.r.: Barbara Würmli (FUPS), Walter Grob (Gemeinde Au), Erwin Zbinden (BMF), Jürg Schmid (Fischer Papier AG, Sponsor). Foto: zvg.

 

Internationale Solidarität

Bei Holz oder Holzprodukten geben die Beschaffungsrichtlinien von Au klare Vorgaben. So muss bei Brennholz, Bauholz und Holz für den Innenausbau verbindlich Material aus nachhaltiger Waldbewirtschaftung gewählt werden. Für ihr vorbildliches Verhalten erhielt die Gemeinde Au nebst der Urkunde ein Preisgeld in der Höhe von 5000 Franken überreicht. «Mit diesem Fonds unterstützen wir Projekte, die in der Schweiz umgesetzt werden und die globale Solidarität fördern», so Christine Richard, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Sektion Nachhaltige Entwicklung des ARE, in ihrer Laudatio.

Konsequent doppelseitig

Auch Carouge/GE, die bisher zweite mit dem Preis ausgezeichnete Gemeinde, nimmt das Thema ernst. Kopierpapier etwa wird zu über 80 Prozent in Recyclingqualität verwendet, beim Toilettenpapier – immerhin 15’000 Rollen pro Jahr – und den Papierhandtüchern setzt Carouge komplett auf Recyclingfasern. Über diese Beschaffungsphilosophie hinaus setzt Carouge vermehrt auf Vermeidung. So soll eine Weisung verabschiedet werden, die alle 250 Gemeindemitarbeitenden dazu anhält, Kopien und Ausdrucke systematisch beidseitig anzufertigen, und zwar auch offizielle Briefe. Sämtliche Computer und Kopiergeräte sind bereits entsprechend programmiert. Eine eigene Software soll gerätespezifisch erfassen, ob dies auch umgesetzt wird.

CO2-Kompensation: Ein Mosaikstein unter vielen

Das Fazit des FUPS: Modelle zur Kompensation der Klimabelastung dürfen immer nur ein Element in einer ganzheitlichen Betrachtung sein. Die Reduktion des Papierverbrauchs muss oberste Priorität haben. Als nächster Schritt muss ein Papier mit einer möglichst guten Ökobilanz gewählt werden – meistens dürfte es sich dabei um ein Recyclingpapier handeln. Schliesslich gibt es bei der Produktion, also in der Druckerei, weitere Instrumente, um die Umweltbelastung einer Drucksache zu reduzieren. Erst am Schluss sollen die dennoch anfallenden Emissionen von klimawirksamen Gasen kompensiert werden. Klar ist: Kein Modell zur ökologischen Verbesserung von Prozessen ist in Stein gemeisselt. Konstruktive Diskussionen und Auseinandersetzungen, wie sie diese Webseite anregt, helfen, die Bemühungen um eine möglichst sozial- und umweltverträgliche Holz-, Papier- und Druckwirtschaft vorwärts zu bringen.

 

Weiterführende Informationen:

Die Kriterien von «urwaldfreundlich.ch» bw. Gemeinden, die bei der Aktion mitmachen, müssen für Papier und Holz je ein Richtlinienpapier erstellen, wobei entsprechende Vorlagen zur Verfügung stehen. Beim Papier muss mindestens einer der folgenden Punkte erfüllt sein:

  • Mindestens 80 Prozent Recyclingpapier (Blauer Engel oder FSC Recycled)
  • Mindestens 60 Prozent Recyclingpapier und 20 Prozent FSC-Neufaserpapier
  • Mindestens 50 Prozent Recyclingpapier und 50 Prozent FSC-Neufaserpapier

Beim Holz müssen die Textbausteine der Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane des Bundes (KBOB) «Nachhaltig produziertes Holz beschaffen» in die Ausschreibung übernommen werden. Diese bürgen dafür, dass kein Holz aus ökologisch und sozial fragwürdigem Raubbau geliefert wird. Auch Kantone, Kirchgemeinden und Schulen können sich an der Aktion beteiligen. So erklärte sich im Frühling 2014 der Kanton Zürich als urwaldfreundlich.

5000 Franken für «Urwaldfreundliche Gemeinde 2014»

Auch dieses Jahr wird der Preis «Urwaldfreundliche Gemeinde 2014» vergeben. Interessierte Gemeinden können ihr Dossier bis zum 12. September 2014 einreichen. Voraussetzung für eine Bewerbung ist die Erfüllung der urwaldfreundlich-Kriterien. Für die Teilnahme müssen die Gemeindebehörden Unterlagen einreichen, die zeigen, dass die Kriterien umgesetzt werden. Dabei ist es denkbar, dass die Gemeinde darüber hinaus spezielle Aktivitäten unternimmt, um die Bevölkerung zu einem urwaldfreundlicheren Handeln zu motivieren. Je vielseitiger das Bewerbungsdossier, desto besser. Doch auch eine Kurzbewerbung mit wenigen, dafür aussagekräftigen Kennziffern kann genügen. Der Preisträger erhält eine Summe von 5000 Franken, die vom Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) zur Verfügung gestellt wird.

 

Kontakt:

FUPS, Postfach 705, 9501 Wil, T 071 911 16 30,

sekretariat@fups.ch

www.papier.info

www.urwaldfreundlich.ch 

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Die Liste ökologisch bewusst arbeitender Druckereien des FUPS beinhaltet u.a. auch

das Grafische Service-Zentrum des Wohn- und Bürozentrums für Körperbehinderte (WBZ) in Reinach sowie die

Druckerei Feldegg AG. Beide Unternehmen sind hier mit meinem Blogposting vertreten.

 

 

 

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