Schön und gut

Klimaneutrales Drucken oder Firmenmagazine auf Naturpapier waren bisher etwas für Kenner. Doch jetzt dreht der Wind. Ökologisch korrektes Drucken liegt im Trend – wenn es nicht teurer ist*. 

Wenn ein Produkt wie Campari in Buchform inszeniert werden soll, liegt eigentlich Hochglanzoptik nahe. Immerhin pflegt die italienische Apéritif-Marke in ihrer Außendarstellung einen gewissen Anspruch. Als vor einigen Jahren der erste weltweite Fernsehspot geschaltet wurde, trat als Hauptdarstellerin die Schauspielerin Salma Hayek auf. Der Tenor des Werbestreifens: Glitzer, Glamour, Luxus.

Dass dann ein Buch über das Traditionsgetränk auf Natur- und nicht auf Hochglanzpapier gedruckt wird, klingt erstaunlich. Ist aber so. Die Münchner Agentur Studiomonaco hat für Campari im vergangenen Jahr ein über 100 Seiten starkes Nachschlagewerk entworfen. Das Epos “Liquid Tales”, beim diesjährigen Wettbewerb Best of Corporate Publishing mit einer Silbermedaille gewürdigt, hat eine Vorder- und Rückseite aus Graupappe. Für die Seiten dazwischen wurde “Fly Cream” verwendet, ein Naturpapier mit speziell geglätteter Oberfläche.

Dass sich ein Unternehmen wie Campari bei einem Druckwerk für Naturpapier entscheidet, kommt inzwischen öfter vor. “Immer mehr Kunden begreifen, dass Print nicht nur ein Informationsträger ist”, sagt Ralf Vogl , Geschäftsführer der Druckerei Vogl in München. Vogl, der an Naturpapieren vor allem das “haptische Erlebnis” schätzt, hat das Campari-Imagebuch gedruckt und dafür das Spezialverfahren High Gamut angewendet. Das von ihm entwickelte Verfahren soll die Schwachstelle von Naturpapieren beseitigen: die oft unbefriedigende Wiedergabe von Bildern. Der Münchner Druckerei-Inhaber jedenfalls hat mit seiner Expertise für Naturpapiere nicht nur Campari überzeugt, sondern auch den Luxusgüter-Produzenten LVHM .

 

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Natur pur: Dass ein Unternehmen wie Campari (oben) nur Hochglanz kann, ist überholt. Dass ein Eis konventionell verpackt wird, auch. Nachhaltige Drucksachen haben viele Gesichter. Selbst ein USB-Stick (rechts) ist in einer klimaneutralen Verpackung gut aufgehoben.

 

Der Sinn für Nachhaltigkeit, so viel steht fest, hat inzwischen auch die Druck- und Papierbranche im Griff. Während etwa für das Thema “klimaneutral drucken” vor einiger Zeit noch reichlich Überzeugungsarbeit nötig war, registriert Moritz Lehmkuhl , Geschäftsführer von Climate Partner in München, seit knapp zwei Jahren auch im Druckgewerbe einen Sinneswandel. Druckereien, die Aufträge klimaneutral produzieren wollen, können mithilfe einer von Climate Partner entwickelten Software die anfallenden CO2-Emissionen erfassen und anschließend über zertifizierte Klimaschutzprojekte ausgleichen. Bestätigt wird der klimaneutrale Druck mit Urkunden, Labels und Online-Nachweis.

Zu den Unternehmen, die darauf Wert legen, dass Druckerzeugnisse klimaneutral hergestellt werden, gehören nicht nur Automobilfirmen, die das Thema Nachhaltigkeit inzwischen plakativ nach außen tragen. Auch Lebensmittelketten wie Tengelmann packen ihre Bio-Eier in klimaneutrale Kartons. Und der Druckerhersteller Canon hat vor Kurzem in der Schweiz die Ära des klimaneutralen Drucks eröffnet. Kunden von Druck- und Multifunktionsgeräten können seither einen Kompensationsvertrag abschließen, die anfallenden CO2-Emissionen ausgleichen und damit, wirbt eine Canon-Managerin, “bei jedem Ausdruck einen wertvollen Beitrag zum Umweltschutz” leisten.

Dass gerade die Papierhersteller den Umweltschutz für sich entdecken, kommt allerdings nicht von Ungefähr. Nach Angaben von Umweltschutzverbänden wie Greenpeace landet fast die Hälfte aller weltweit gefällten Bäume in der Papierproduktion. Allein die Deutschen verbrauchen jährlich über 240 Kilogramm Papier pro Kopf – ausreichend wären, findet zumindest Greenpeace, weit weniger, nämlich 30 bis 40 Kilogramm pro Kopf.

Die Verwendung von Papieren mit Umweltgütesiegeln wie Blauer Engel oder FSC (Forest Stewardship Council) ist deshalb auch bei Unternehmenspublikationen keine Seltenheit mehr. Die Deutsche Bahn beispielsweise druckt ihr Kundenmagazin DB Mobil inzwischen komplett auf Recyclingpapier. Die Bahn habe sich, sagt Kommunikationsmanagerin Antje Neubauer, Leiterin PR und interne Kommunikation, mit der Agenda 2020 “ehrgeizige Ziele” für den Erhalt der Umwelt gesetzt. Ein auflagenstarkes Blatt wie DB Mobil weiter auf gewöhnlichem Papier zu drucken, schien den Kommunikationsexperten des Konzerns, die ihre Kundenpostille von G+J Corporate Editors produzieren lassen, angesichts des eigenen Anspruchs dann doch unstimmig.

Die Bahn gehört, so wie Campari, ebenfalls zu den Preisträgern des diesjährigen Best of Corporate Publishing Award – in der Spezialkategorie “Green Publishing”. Der vor zehn Jahren eingeführte Sonderpreis wird von einem Unternehmen verliehen, das an der Verwendung von Papier ein großes Interesse hat: dem Papierhersteller Steinbeis aus Glückstadt bei Hamburg.

Schon Mitte der 70er-Jahre hat Steinbeis die Produktion auf Recyclingpapiere umgestellt, seit 2009 tragen die Magazinpapiere das Gütesiegel “Blauer Engel”. Die Nachfrage nach den beiden Papiersorten Charisma Silk und Charisma Brilliant ist gut, aber nicht grenzenlos. Denn die ökologische Alternative zu den Standard-LWC-Papieren hat ihre Grenzen – optischer Natur. In der Bild- und Farbwiedergabe zeigen sich im Vergleich zu herkömmlichen Papieren immer noch Unterschiede. Die seien zwar “marginal”, findet ein Steinbeis-Vertreter, doch für Druckereien sei die Sache damit meist erledigt. Verlage dagegen haben da weniger Vorbehalte. Magazine, die auf Recyclingpapier gedruckt werden, sind keine Seltenheit. Schließlich lässt sich das ökologische Gewissen ohne Mehrkosten beruhigen: Teurer als die Konkurrenz ist etwa Steinbeis mit seinen Öko-Magazinpapieren nicht.

Klimanuetrales Drucken_ClimatePartner

*Der Beitrag von Gabi Schreier ist zuerst erschienen in werben & verkaufen Nr. 42 vom 13.10.2014, S. 47 / Ressort: Sonstiges, www.wuv.de/. Das Interview mit Moritz Lehmkuhl, Geschäftsführer von ClimatePartner, lesen Sie hier.

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  1. […] *Das Interview mit Moritz Lehmkuhl ist zuerst erschienen in Werben & Verkaufen Nr. 42 vom 13.10.2014, S. 47 / Ressort: Sonstiges, www.wuv.de. Den Artikel “Schön und gut” lesen Sie hier hier. […]

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